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Polyvagal-Theorie: die Arbeit mit dem Wundernerv

Polyvagal-Theorie: die Arbeit mit dem Wundernerv

Wege aus dem Stresssystem - die Suche nach gefühlter Sicherheit

Wege aus dem Stresssystem

Die Suche nach gefühlter Sicherheit

Die heutige Zeit wird immer schnelllebiger, unbeständiger und unsicherer. Zur Ruhe zu kommen fällt schwer. Stress, psychische Erkrankungen und psychosomatische Beschwerden sind die Folge. Wie schön wäre es, wenn wir in uns eine natürliche Quelle für Stressreduktion und Entspannung hätten. Und wenn wir diese Quelle immer dann aktivieren könnten, wenn wir sie brauchen um stressfreier und glücklicher zu leben.

Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet,
ist es umsonst,
sie anderswo zu suchen.

Francois de La Rochefoucauld

Trendthema

Wundernerv Vagus

Das Wissen um den Vagus ist ein neues Trendthema, welches so vermarktet wird, dass ein Leser den Eindruck erhält, als hätte der Vagus Zauberkräfte, ums sich gesund und rundum gut zu fühlen. Die Vagus-Stimulation oder Polyvagal-Theorie wird so erklärt, dass der Eindruck entstehen könnte, dass man den Vagus-Nerv trainieren könnte wie ein Muskel. Dem ist nicht so. Körperarbeit wie Massagen etc. können zwar hilfreich, damit wir uns ausgeglichener und gesunder fühlen. Dabei spielt der Vagus auch eine grosse Rolle, aber das hat andere Hintergründe, auf die ich später eingehen werde.

Es geht darum, Wege zu finden, um Hinweisreize für Sicherheit zu erschaffen. Damit ist gemeint, dass unser Nervensystem eine Situation von aussen als sicher erkennen kann, aber auch vom Körper und Nervensystem Reize als sicher wahrnimmt. Das erklärt den logischen Schritt der Polyvagal-Theorie zur Körperarbeit.

Mittels bestimmten Körperübungen können wir dem Vagus-Nerv gewissermassen die Nachricht senden, dass er der Mensch sich sicher fühlt, und er deswegen aktiv sein darf. Das bedeutet, entspannen, zur Ruhe kommen, was sich wiederum positiv auf die Organe auswirkt, weil der Vagus massgeblich an der Aktivität des Parasympathikus beteiligt ist.

Das mag komplizierter tönen, als es ist. Denn die Polyvagal-Theorie ist in sich sehr logisch.

Die Polyvagal-Theorie

Der Schlüssel zu unserer Verhalten

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges beschreibt das Zusammenspiel und die Funktionsweise der verschiedenen Systeme des autonomen Nervensystems. Sie zeigt Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Verhalten und dem autonomen Zustand auf und legt einen besonderen Schwerpunkt auf den Vagus Nerv. Die Polyvagal-Theorie gewinnt immer mehr an Bekanntheit, insbesondere in der Trauma-Therapie. Sie gibt mögliche Erklärungen über das "Warum" von Verhaltensweisen, seien dies unsere eigenen, oder die von unseren Klienten, ab. Einfache Übungen ermöglichen es, die Balance wieder zu erreichen.

Ich habe im Rahmen einer körpertherapeutischen Ausbildung die Polyvagal-Theorie 2003 kennengelernt. Und ich möchte sie nicht mehr missen. Denn sie führt dort weiter, wo die normale Trauma-Therapie an Grenzen stösst. Meine Klienten sind immer wieder erstaunt, wie effektiv und nachhaltig die Arbeit der Polyvagal-Theorie wirkt.

Die Polyvagal-Theorie ist mein "Objektiv", durch welches ich andere Menschen (und mich) betrachte. In der Polyvagaltheorie liegt ein enormes Potential, um Klienten, und sich selbst, besser zu verstehen.

Was macht die Polyvagal-Theorie so besonders?

Die vielen Dauerbelastungen, denen wir ausgesetzt sind, können bei Menschen zu einem Ungleichgewicht führen: der ventrale Vagus wird schwächer, während der Sympathikus oder der dorsale Vagus aktiver werden. Dies wiederum geht mit körperlichen und/oder seelischen Belastungen einher, welche sich auf die Gesundheit auswirken können: körperliche und/oder seelische Symptome sind die Folge.
Die wichtigste Voraussetzung der Polyvagal-Theorie ist die gefühlte Sicherheit. Sicherheit ist die gefühlte Einschätzung, wie sicher wir uns in einer Situation fühlen. Dieses Gefühl kommt vor allem aus dem Körper, und nicht aus dem Kopf. Unser Körper schätzt ständig ab, automatisch und unbewusst, ob wir uns in Gefahr befinden oder ob wir sicher sind. Fühlen wir uns nicht sicher, ist der Sympathikus aktiviert, damit wir kämpfen oder fliehen können. Das heisst, wir befinden uns in einer Stresssituation.

Ziel der Polyvagal Theorie ist es, eine gesunde Balance zwischen dem Sympathikus und dem Parasympathikus herzustellen. Bestimmte Übungen und Techniken helfen, dass das autonome Nervensystem in seiner Funktion wieder flexibler wird und tragen dazu bei, dass chronischer Stress gar nicht erst entsteht. Durch die Übungen verbessert sich die Funktion des vorderen Vagus Astes, was eine Regulation der Verdauung, der Atmung und aller inneren Organe zur Folge hat.
 

Die Suche nach Sicherheit
Wie schon erwähnt, ist das Gefühl von Sicherheit ist entscheidend. Dabei ist nicht nur die äussere Sicherheit gemeint, sondern auch, ob unser Nervensystem im Umgang mit anderen Menschen in der Lage ist, Sicherheit wahrzunehmen. Es ist wichtig, zu verstehen, was damit gemeint ist: wir können uns, objektiv gesehen, in äusserer Sicherheit befinden. Dennoch kann es zwischen dem objektiven Blickwinkel und dem Empfinden von Sicherheit eine Diskrepanz geben. Die Einschätzung von Sicherheit hängt vom Prozess der Neurozeption ab. (Siehe nachfolgend).

Der Körper reorganisiert sich, wenn er sich sicher fühlt.
Stephen Porges

Wir können nur in soziale Interaktion treten, wenn wir uns, respektive, wenn unser Nervensystem, sicher fühlen. Sie werden sich fragen, wie man dem autonomen Nervensystem genügend Sicherheit vermitteln kann? Porges beschreibt dazu zwei sich ergänzenden Möglichkeiten: aktive und passive Pfade.

Der passive Pfad:
er aktiviert das ventrale System über Signale der Umwelt: stimmiges Zusammensein mit anderen Menschen, eine ruhige und schöne Umgebung, Musik etc.

Der aktive Pfad:
Er stimuliert das ventrale System über bestimmte und kontrollierte Atemtechniken, bestimmte Körperhaltungen etc. Dies ist wiederum nur möglich, wenn dem passiven Pfad bereits ein Minimum an Sicherheitsgefühlen vermittelt wurde. Wir sind also auf ein gutes Umfeld und wohlwollende Unterstützung durch andere Menschen, angewiesen. Solche Unterstützungen müssen nicht zwangsläufig aktuell sein, allein schon die Erinnerung an solche unterstützenden Situationen kann ausreichen. Man kann hier erkennen, wie wichtig gute Bindungserfahrungen für das subjektive Erleben von Sicherheit sind.

Das autonome Nervensystem (ANS) stellt unser Überleben, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, sicher. Die meisten von uns haben in der Schule gelernt, dass das ANS aus zwei Systemen besteht: dem Sympathikus und dem Parasympathikus.

Selbstheilungsnerv Vagus

Anatomische Fakten

Indem Du verstehst, wie Dein Vagus Nerv funktioniert,
lernst Du auch Dein Nervensystem besser kennen.
So fühlst Du Dich nicht mehr hilflos,
wenn es mal wieder verrücktspielen sollte.

Dr. Arielle Schwartz

Unser Körper, das Nervensystem müssen sich ständig anpassen, damit wir auf veränderte Gegebenheiten wie Bedrohung etc. reagieren können.

Die Funktion des autonomen Nervensystems besteht darin, einem Menschen in Gefahrensituationen jene Energie bereitzustellen, damit er kämpfen oder fliehen kann. Dazu aktiviert der Sympathikus wichtige Körperfunktionen. So beschleunigt sich die Atmung, der Herzschlag wird schneller, der Blutdruck steigt etc. während andere energieverbrauchenden Organaktivitäten zurückgehalten werden. Sobald die Gefahr vorüber ist, entspannt sich er Körper, Herzschlag, Atmung, Blutdruck etc. normalisieren sich wieder und die Organe erhalten wieder Energie. Das heisst, der Parasympathikus wird wieder aktiv und der Mensch kann wieder in einen Zustand sozialer Zugewandtheit wechseln.

Die Polyvagal-Theorie unterscheidet nicht nur zwischen dem Sympathikus und Parasympathikus, sondern unterteilt den Parasympathikus in zwei weitere Äste: den ventralen (vorderen) Vagus Ast und den dorsalen (hinteren) Vagus Ast. Die beiden Äste unterscheiden sich grundlegend voneinander und haben tiefgreifende Folgend für die körperliche und seelische Gesundheit.

Der Vagus Nerv gehört zum vegetativen Nervensystem. „Nervus Vagus“ bedeutet so viel wie „umherschweifender Nerv“. Er ist der grösste Nerv des Parasympathikus (Teil des autonomen Nervensystems) und ist mit fast allen unseren Organen verbunden. Er leitet Informationen vom Gehirn in die Organe und umgekehrt, von den Organen zurück ins Gehirn. Ohne ihn würde die Steuerung der Körperabläufe wie Verdauung, Herzfrequenz, Atmung, Blutdruck etc. nicht funktionieren. Diese Abläufe können wir nicht willentlich kontrollieren.

Die Polyvagal-Theorie geht von drei hierarchisch organisierten Subsystemen des autonomen Nervensystems, welche unsere neurobiologische Reaktionen auf die Stimulation aus der Umgebung beeinflussen, aus:

  1. Der ventral-parasympathische Zweig des Vagus Nervs: für das System soziales Engagement.
     
  2. Das sympathische System: Mobilisierung (Kampf-Flucht-Verhalten).
     
  3. Der dorsal-parasympathische Zweig des Vagus: Immobilisierung (Erstarrung.

Die zwei Äste des Vagus Nervs sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Der ventrale (vordere) Teil ist entwicklungsgeschichtlich wesentlich jünger als der dorsale (hinterer Teil). Wenn ein Mensch sich bedroht fühlt, versucht er zuerst durch soziale Interaktion die Gefahr zu bannen. Wenn das nicht gelingt, schaltet das System auf die nächste Ebene: Flucht oder Kampf. Ist auch dies unmöglich, schaltet das System auf "Immobilisation und Erstarrung" um. Einfach ausgedrückt: greift ein "jüngeres" Verhalten nicht, schaltet das System auf die nächste "ältere" Ebene um.

Probleme tauchen dann auf, wenn das ANS zu einer falschen, meist negativen Einschätzung kommt. Dann reagiert der Körper, z.B. mit Herzklopfen oder Schweissausbrüchen, obwohl, objektiv gesehen kein Grund zur Angst besteht. Dies geschieht häufig bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Das Nervensystem ist zu sensibel eingestellt. Es ist wie ein Feuermelder, der Alarm gibt, weil jemand eine Kerze anzündet.

Anhaltende Stressoren versetzen uns in der Kampf- oder Fluchtmodus, obwohl die äussere Situation im Alltag normalerweise nicht lebensbedrohlich ist. Der Sympathikus bleibt ständig aktiviert und der Organismus befindet sich in höchster Erregung. Hält dieser Zustand über lange Zeit an, kann dies schlimme Folgen für den gesamten Organismus haben.
Unsere Reaktionen und unser Sozialverhalten sind abhängig vom Zustand unseres ANS. Obwohl wir uns "so und so verhalten" wollen", gelingt dies nicht, weil wir aufgrund unseres vegetativen Zustandes nicht "können". Unter Stress stehen uns Qualitäten, welche wir sonst souverän beherrschen, nicht mehr zur Verfügung. Wir "flippen" aus, verlieren die Kontrolle, oder erstarren.

 

Klare Hierarchie

 

  • Fühlen wir uns (respektive unser Nervensystem) sicher, dominiert der ventrale Vagus unser Verhalten und Erleben.

 

  • Mobilisierung:
    Fühlen wir uns bedroht, wird alle Energie für den Kampf- oder Fluchtmodus mobilisiert. Dabei setzt sich der Sympathikus über das ventrale Vagussystem, hinweg und es ist fertig mit Entspannung.

     
  • Immobilisierung:
    Wenn wir jedoch weder kämpfen noch fliehen können, geraten wir immer mehr in den Zustand der Erstarrung.
    Das dorsale Vagussystem übernimmt.

 

Diesen Wechsel kann man sich nicht vorstellen, wie ein "Ein" oder "Aus" eines Schalters. Vielmehr pendeln wir, in Abhängigkeit von der Neurozeption zwischen den unterschiedlichen Zuständen hin und her. Erkenntnis: Ein wichtiger Schritt, um die Polyvagal-Theorie zu verstehen, ist es, das Nervensystem, die polyvagale Leiter und unser Stresssystem zu verstehen. Ein Grossteil der polyvagal-informierten Behandlungen beruht darauf, zu erkennen, wann wir in den Kampf- oder Fluchtmodus gehen oder in den Totstellreflexmodus wie unser Körper reagiert wie sich unsere Gedanken und Emotionen verändern wie es sich anfühlt, wenn sich der Zustand von der ventralen Aktivierung zur sympathischen Aktivierung oder zum dorsal vagalem Einfluss bewegt. Denn wenn wir diesen Wechsel nicht bewusst mitkriegen, können wir es auch nicht verändern.

Je stärker der ventrale Vagusnerv ausgebildet ist, desto gesunder und glücklicher ist der Mensch. Dennoch: wir können wochenlang den Vagus Nerv stimulieren, sobald der Sympathikus sich einmischt, stehen wir wieder unter Strom. Der Auslöser dafür gilt es herauszufinden.

Es ist beim Vagus, wie bei den meisten anderen Nerven:
Sie ihn nicht nutzen, geht seine Funktion verloren.
Wenn Sie ihn nicht trainieren, schwinden seine Kräfte.

Navaz Habib

Wenn der Vagus Nerv verrückt spielt

kann dies gravierende Folgen haben

Der Vagus Nerv steuert einen Grossteil unserer Körperfunktionen. Auch eine mögliche Atlasfehlstellung kann den Vagus Nerv quetschen und dadurch seine Funktion stark beeinträchtigen. Er ist Indikator dafür, wie gut unser Körper mit Stress umgehen kann. Und ob es ihm gelingt, nach einem belastenden Ereignis das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ich finde, Grund genug, sich um den Nerv Vagus zu kümmern. Wenn der Vagus optimal funktioniert, behalten wir im wahrsten Sinne des Wortes unsere Nerven. Der ventrale Zustand ist für die Gesundheit schlechthin, für Erholung, für die Fähigkeit ruhig und gut zu schlafen und für die Verdauung zuständig. Er ermöglicht uns Gefühle wie Sicherheit, Vertrauen und Liebe. Er fördert das Sozialverhalten, welches unser Überleben sichert. Befinden wir uns in diesem Zustand, geht es uns rundum gut.

So wundert es nicht, dass er für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden essentiell ist. Ist der Vagus Nerv geschwächt, übernimmt der Sympathikus, was viele Beschwerden zur Folge haben kann:

  • Migräne, Kopfschmerzen
  • Nackensteifigkeit
  • Verdauungsprobleme
  • Sodbrennen
  • Kreislaufprobleme
  • Schwitzen
  • Flache Atmung
  • Entzündungsanfälligkeit
  • Depressionen
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Verringerte Herzratenvariabilität**

** Das Herz eines gesunden Menschen schlägt nicht regelmässig, sondern zeigt von Schlag zu Schlag Variationen, der sogenannten Herzfrequenzvariabilität. Sie beschreibt das Phänomen, dass unser Herz mit jedem Schlag auf äussere Einflüsse reagiert und somit die Herzfrequenz anpassen kann. Sie ist Ausdruck der Anpassungsfähigkeit des autonomen Nervensystems und widerspiegelt die stressbedingte körperliche Belastung. Hat ein Mensch eine hohe Variabilität, kann er schnell vom Erholungs- in den Ruhemodus gelangen und umgekehrt. Bei dauerndem Stress ist diese Anpassungsfähigkeit vermindert, was zu einer schlechten Erholungsfähigkeit führt.

Drei Säulen bilden das Zentrum der Polyvagal-Theorie

  • Hierarchie des Nervensystems
  • Neurozeption
  • Co-Regulation


Hierarchie des Nervensystems:
Das autonome Nervensystem reagiert einerseits auf Signale der Umgebung und anderseits auf Empfindungen im Körper. Dabei nutzt es drei Reaktionspfade, welche in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert werden. Diese drei Ebenen werden wie bei einer Leiter hierarchisch aufgeteilt:

  • Ventraler Vagus: soziale Aktivität und Sicherheit
  • Sympathikus: Kampf oder Flucht
  • Dorsaler Vagus: Immobilität und Dissoziation


Neurozeption:
ohne Gewahrsein Der Begriff Neurozeption wurde von Stephen Porges geprägt. Neurozeption beschreibt ein System unbewusster Wahrnehmung, welches einschätzt, ob bestimmte Menschen oder Situationen sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich sind. Je nach Situation reagiert unser Organismus mit einer instinktiven Reaktion. Diese Stressreaktionsmuster haben unser Überleben erfolgreich gesichert. Unser Nervensystem hat die Fähigkeit zu "spüren". Es bildet sich gewissermassen eine eigene Meinung über das, was gerade geschieht. So schnell, wie diese Meinung gebildet wird, können wir gar nicht denken. Reaktionen, welche durch diese "Meinung" ausgelöst werden, sind nicht bewusst steuerbar. Wenn das Nervensystem Gefahrensignale erhält, werden automatisch, je nach Situation, eines der drei Schutzsysteme aktiviert: Soziale Unterstützung, Mobilisierung, Erstarrung. Je nachdem nun, wie das autonome Nervensystem die Situation einschätzt, werden neurophysiologische Vorgänge aktiviert, um unser Überleben in Gefahr zu sichern. Stanley Rosenberg beschreibt in seinem Buch "Der Selbstheilungsnerv" Neurozeption als einen zuverlässigen Wachhund, welcher ständig aufpasst und es uns ermöglicht, tief zu schlafen oder uns auf andere Dinge als das Überleben zu konzentrieren, und der uns weckt, wenn Eindringlinge uns gefährden könnten.

Die Neurozeption wird als rezepthafter Mechanismus angesehen,
der den physiologischen Zustand augenblicklich ändern kann.

Stephen Porges


Co-Regulation:
Unser Nervensystem wird durch Umweltreize geprägt. Die Beruhigung z.B. von einem Baby geschieht durch empathisches Einfühlen der Mutter auf ihr Kind. Sie reguliert gewissermassen das Nervensystem ihres Babys mit ihrem eigenen Nervensystem. Dazu gibt es einen spannenden Film auf YouTube: "still-face-experiment" von Edward Tronick. Darauf ist die Interaktion zwischen einer Mutter und ihrem Kind zu sehen. Die Mutter ist ihrem Kind sehr zugewandt. Sie wendet sich jedoch nach einiger Zeit ab und wendet sich etwas später mit einer total erstarrten Gesichtsausdruck dem Kind zu. Dieses gerät unter extremen Stress. Dieses Video zeigt sehr eindrücklich, wie Kinder (und auch Erwachsene) auf eine soziale Interaktion mit Bezugspersonen angewiesen sind, damit sie sich selbst regulieren können. Man nennt dies Co-Regulation.

https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=apzXGEbZht0

Darmgeflüster

Vagus Nerv: Darmhirn an Kopfhirn

Sie kennen es: das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch, oder Entscheidungen, welche voller Überzeugungen aus dem Bauch getroffen werden…

Entwicklungsgeschichtlich sind Darm und Gehirn aus demselben Stoff gemacht, das verbindet im wahrsten Sinn des Wortes. Beide Schaltzentralen sprechen dieselbe Sprache, da sie über dieselben Botenstoffe kommunizieren. Diese Verbindung wird "Darm-Hirn-Achse" genannt. Gehirn und Darm sprechen über Nervenbahnen, insbesondere den Vagus, und über Botenstoffe etc. rege miteinander. Wobei der Darm gesprächiger ist als der Kopf: über 85% der Informationen werden von unten nach oben geleitet. Dies verläuft meist unbewusst. Nur dann, wenn wir zum Beispiel ein verdorbenes Lebensmittel gegessen haben, erleben wir die Zusammenarbeit von Bauch und Kopf bewusst mit. Ein weiterer wichtiger Mitspieler ist die Darmflora. Sie können die Verbindung zwischen Kopf- und Bauchgehirn positiv oder negativ beeinflussen.

Der Darm bildet das Zentrum des Immunsystems. Siebzig Prozent aller Abwehrzellen des Körpers sitzen im Darm. So erstaunt die Tatsache, dass sich der Zustand des Darms auf Emotionen und Stimmungen eines Menschen auswirken kann, und dadurch grossen Einfluss auf ihr Denken und Handeln nimmt, wenig. Der Darm ist also auch im übertragenen Sinne ein "Verdauer". Er zerlegt nicht nur Pizza und Gelati in ihre chemischen Bestandteile, sondern sorgt dafür, dass wir Nährstoffe aufnehmen und Vitamine produzieren können. Er ist also viel mehr als nur ein Verdauungsorgan.

Vagus: alles andere als vage

Für die psychotherapeutische Arbeit hat die "polyvagale Betrachtungsweise" weitreichende Konsequenzen. Sie erklärt auf einer physiologischen Ebene, wie und weswegen traumatisierte Klienten sich so oft in einem Zustand der Mobilisierung (sympathischer Zweig) oder der Erstarrung (dorsaler Zweig) befinden. Körperliche und emotionale Prozesse sind aufs Engste verwoben. Der Körper ist jener Ort wo Trauma geschieht und wo diese Erfahrungen als Trauma-Folgen abgespeichert werden. Deshalb kann ein Trauma nur über den Körper aufgelöst werden. Der Körper lügt nie. Die Körperhaltung, die Bewegung und die Mimik eines Menschen sagen schon viel über seinen autonomen Zustand aus. Wir Therapeuten müssen nur unseren Blick darauf schulen und sensibilisieren.

Die Hirnforschung weiss um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche. Der Einfluss der Psyche auf den Körper ist enorm. Die Kraft der Gedanken ist nicht zu unterschätzen. Positive Gedanken führen zu positiven Gefühlen. Dies wirkt sich auf den Körper und auf die Haltung und Mimik aus. Man geht also von einer Wirkkette vom Kopf in den Körper aus. Es gibt jedoch auch die umgekehrte Wirkkette, nämlich jene von unten nach oben. Sie beschreibt die Auswirkung vom Körper auf die Psyche. Das heisst, man kann mit Körperinterventionen den Klienten dabei unterstützen, wieder seelisches Gleichgewicht zu erlangen.
Der Vagus kann durch Haltung, Lebensstil, Denkweisen und Überzeugungen beeinflusst werden. Denn: wenn die Funktion des Vagus Nerv wegen Überreizung gestört ist, kann sich der Körper nicht mehr erholen. Zahlreiche Krankheiten können die Folge sein.

Der Vagus ist für jeden Aspekt unseres Lebens von zentraler Bedeutung.
Er kann für Tiefenentspannung sorgen,
ebenso wie für unmittelbare Reaktion auf Situationen,
in denen es um Leben und Tod geht.
kann sowohl Ursache zahlreicher Erkrankungen sein als auch ihre Lösung.
Darüber hinaus kann der Vagus für die notwendige tiefe persönliche Verbundenheit mit anderen Menschen und mit unserer Umgebung sorgen.

Stanley Rosenberg

Auswirkung der Polyvagal-Theorie auf die Therapie

Gefühlte Sicherheit, seitens des Klienten wie auch des Therapeuten, ist das Fundament einer jeglichen Therapie. Therapeutische Interventionen können ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn das ANS die Umgebung als "sicher" bewertet. Sie wissen jetzt, dass das Gefühl der Sicherheit zum ventralen Vagus gehört.
Mein Klient kann sich nur sicher fühlen, wenn auch ich mich in der ventralen Vagusqualität befinde. Ein weiterer Punkt, der nicht unwesentlich ist: die Chemie zwischen Therapeut und Klient muss stimmen. Dazu Dami Charf: "ich therapiere niemanden, mit dem ich nicht auch gerne eine Tasse Kaffee trinken gehen würde.“ Isabella Uhlmann: "Ich auch nicht".

Weswegen ist das so wichtig?
Eine stimmige Kommunikation zeichnet sich durch Zuhören und zugewandter Aufmerksamkeit aus. Damit ist nicht ein "so tun als ob" gemeint, sondern wirklich die innere Haltung des Therapeuten. Die Art und Weise des Sprechens stimmt im optimalen Fall mit dem nonverbalen Ausdruck des Therapeuten überein. Der Klient empfängt in einer stimmigen Kommunikation viele Signale vom Therapeuten: Ausdruck des Körpers, die Körperhaltung, die Augen, die Stimme etc. Der Klient wird also Signale für Sicherheit auf verschiedenen Sinneskanälen empfangen. All dies hilft dem Klienten wiederum in den ventralen Vagus-Zustand zu gelangen. Die Nervensysteme von Klient und Therapeut stimmen sich immer mehr aufeinander ein. In dieser Atmosphäre erhält der Klient die Möglichkeit, neue und heilsame Erfahrungen zu machen. Er fühlt sich zutiefst verstanden und abgeholt.
Für die psychotherapeutische Arbeit hat diese Betrachtungsweise weitreichende Konsequenzen.

Ganz wichtig:

Resilienz

Resilienz zu fördern bedeutet, das eigene Wohlbefinden zu steigern, um in herausfordernden oder schwierigen Situationen besser mit Stress, Druck, Frust oder Rückschlägen umgehen zu können. Mit Übungen, welche den ventralen Vagus Nerv stärken, können Sie psychische Widerstandskraft stärken. Resilienz ist gewissermassen unser seelisches Immunsystem, welches hilft, Krisen, wie wir sie aktuell jetzt auch haben, durchzustehen oder sogar gestärkt daraus hervorzugehen.
Die Polyvagal-Theorie zeigt nicht nur Entspannungstechniken auf. Sie zeigt uns Wege, wie wir resilienter und stressresistenter werden können.

Fazit

Das Nervensystem ist autonom, das bedeutet, es ist nicht willentlich steuerbar. Deswegen können Köperübungen nicht wie ein Ein- und Aus-Schalter verstanden werden. Vielmehr sind sie ein sanftes Hinführen, gewissermassen eine liebevolle Einladung in einen hilfreichen Zustand. Ziel ist es, das autonome Nervensystem so zu unterstützen, dass es von allein aus eine Stresszustand (Aktivierung des Sympathikus) oder einer Depression (Aktivierung des dorsalen Vagus) in einen Zustand sozialer Zugewandtheit zurückkehren kann, sobald sich die äusseren Umstände als sicher abzeichnen und wir uns körperlich und emotional wieder sicher fühlen. Unser seelisches und körperliches Wohlbefinden hängt von einem gut funktionierenden und anpassungsfähigen Nervensystem ab. Das ANS steuert nicht nur die Arbeit vieler inneren Organe, sondern ist eng mit unserem emotionalen Zustand verbunden. Ich betrachte die Polyvagal-Theorie als ein enorm hilfreiches Wissen und Werkzeug, um ein Bewusstsein für die Funktionsweise des Nervensystems zu entwickeln und unwillkürliche Prozesse erklärbar zu machen.

Polyvagal-Theorie stellt wertvolle Möglichkeiten für die Arbeit mit Klienten im Entwicklungsfeld des Zusammenspiels von Körper, Psyche zur Verfügung. Sie stellt uns eine effektive Möglichkeit mit non-invasiven Körperübungen sein eigenes Nervensystem zu regulieren, zur Verfügung. Sie können sich selbst wieder in einen Zustand der sozialen Zugewandtheit und Kommunikation bringen. Dies eröffnet dem Therapeuten wie dem Klienten neue Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit herausfordernden Situationen. Grund genug, sich mit dem Vagus Nerv auseinander zu setzen. Für Ihre Klienten - und für sich selbst.

Extreme Formen
Sicherlich ist der Ansatz, Menschen in Ihrer Selbstwirksamkeit zu unterstützen, erstrebenswert. Dennoch möchte ich von extremen Formen warnen. Es geht überhaupt nicht darum, den Vagus ständig zu aktivieren. Es geht vielmehr darum, ein gesundes Gleichgewicht zwischen sympathischer und parasympathischer Erregung ab. Andernfalls könnte z.B. ein erhöhter Vagus-Tonus die Herzfrequenz unter einen gesunden Wert absenken. Bevor nun jemand voreilig irgendwelche Übungen, um den Vagus Nerv zu aktivieren, macht, sollte schon genau abgeklärt werden, ob dies auch angesagt ist. Letztendlich führt eine gesunde Lebensform in diesen gesunden Ausgleich.

Eine kleine Übung als Kostprobe

Probieren Sie es aus

Wenn Sie Ihre körperliche und emotionale Gesundheit verbessern und Stress vermeiden wollen, richten Sie ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Nervensystem. Machen Sie eine erste Erfahrung mit der Augenübung von S. Rosenberg. Sie ist einfach und funktioniert sehr gut. Es ist der schnellste Switch in die Entspannung, die ich kenne.

  1. Sich bequem auf den Rücken legen.
     
  2. Die Hände vor dem Körper, etwas unter Bauchnabel, verschränken.
     
  3. Die Hände nun hinter den Kopf führen.
     
  4. Den Kopf in die verschränkten Finger legen, dabei bleibt der Kopf gerade und der Blick ist zur Decke gerichtet.
     
  5. Augen so weit wie möglich nach rechts bewegen. Dabei nur die Augen, nicht den Kopf bewegen. So lange nach rechts schauen, bis der Körper ein Signal der Entspannung gibt. Das kann tatsächlich eine Minute dauern.
    Ein Signal der Entspannung kann ein Gähnen, Schlucken oder ein Seufzen, oder ein ganz tiefes Einatmen etc. sein. Danach die Augen so weit wie möglich nach links richten und auch hier auf das Entspannungssignal warten.
     
  6. Dann mit den Augen wieder gerade ausschauen. Es kann sein, dass Sie bei den ersten Malen schlagartig müde werden. Mit dieser Übung ist es wie bei anderen Übungen auch: mit jeder Wiederholung werden Sie besser und finden somit immer einen leichteren Zugang zum entspannten Teil Ihres Nervensystems.

Nichts verändert sich,
bis Du Dich veränderst.
Und plötzlich verändert sich alles.

Unbekannt